„Fernsehen ist wie Youtube, nur kaputt“

Medienforum.TV – Schräg, skurril, verblüffend anders. Web-TV statt Fernsehen

(24. Medienforum.NRW vom 18. bis 20. Juni 2012 Köln) „Wir erklären die Welt, wir erschließen sie nicht.“ Auf diese Formel brachte Jessica Eisermann, Redaktionsleiterin des ARD-Fernsehprogramms Einsfestival, ihre Selbstkritik. Trotzdem wollte sie sich nicht an einer Generalschelte über das Medium Fernsehen beteiligen. Auch wenn es viele beliebte Web-TV-Plattformen gebe, sei die Faszination für das klassische Fernsehen ungebrochen: „Alles, was es ins Fernsehen schafft, wird noch größer“, sagte sie bei einer Panel-Diskussion des 24. Medienforum.NRW.

Doch es gab auch Mahner auf dem Podium. Zu ihnen gehörte Jan Lerch, Director of Editorial & Broadcast des Internet-Musikfernsehprogramms tape.tv. „Lean-Back-TV ist selbstverständlich nicht tot. Aber wer weiß, wie lange es noch diese Bedeutung haben wird?“, zweifelte er. Trotzdem gelte: Von alten Fernsehmachern könne man lernen, wie Unterhaltung geht. „Alte Pferde werden noch lange geritten“, sagte Lerch voraus.

Nach Ansicht von Christoph Krachten, Geschäftsführer von momento media, lautet die zentrale Frage nicht, wie das Internet ins Fernsehen kommt. Vielmehr müsse die Perspektive gewechselt werden: „Meine Prognose ist, dass das Fernsehen ins Internet geht.“ Letzteres sei das Medium, das der Lebenswirklichkeit der jungen Leute am nächsten sei. „Gegen das Fernsehen haben viele von ihnen schon eine Abneigung entwickelt“, berichtete Krachten und zitierte einen Tweet: „Fernsehen ist wie Youtube, nur kaputt.“ Wie „netzaffin“ die jungen Nutzer schon seien, zeige seiner Meinung nach das Beispiel „Berlin Tag & Nacht“ bei RTL 2. Die Scripted-Reality-Serie erreiche 1,2 Millionen Fernsehzuschauer und sei 900.000-mal im Internet abgerufen worden. „Das ist kurz davor, sich zu drehen“, betonte Krachten.

Die Entwicklung zugunsten von Bewegtbildern im Internet hat ihren Grund. „Web-Videos erzeugen Gemeinschaft. Fernsehen schließt all die aus, die die Sendungen nicht sehen konnten“, kritisierte der unabhängige Berater Bertram Gugel von gugelproductions. Auf die Frage des Panel-Moderators Christoph Augenstein, Leiter der Hauptabteilung Fernsehproduktion beim WDR, nach dem Electronic Program Guide, also dem elektronischen Programmführer, der Zukunft, verwies Gugel auf den Social-Media-Bereich: „Das, was die Freunde gut finden, wird immer wichtiger. Facebook könnte der EPG der Zukunft sein.“

Die Nutzung des Fernsehgeräts im Internet ist nach Ansicht von Richard Gutjahr noch viel zu kompliziert. „An Smart TV ist gar nichts smart“, bemängelte der Journalist, der unter anderem für den Bayerischen Rundfunk arbeitet. Wenn aber erst diese technischen Probleme gelöst seien, dann werde sich das Fernsehen komplett umstellen müssen. „Als Produzent würde ich mir Sorgen machen. Es kommt der Tag, da ist jedes Katzenvideo aus dem Netz mein ärgster Konkurrent“, prognostizierte Gutjahr.

Das Ende für das Medium Fernsehen wollte Florian Hofmann hingegen nicht heraufbeschwören. „Gute Formate werden es auf allen Plattformen schaffen“, sagte der Geschäftsführer von vogelheim.tv. Seiner Ansicht nach würden die Sender in Zukunft jedoch große Probleme damit haben, sich die Markenrechte zu sichern.

Print Friendly
UA-15643972-1