Journalisten weisen Wulff-Kritik zurück

Ex-Bundespräsident Christian Wulff hat im Streitgespräch mit dem Spiegel über die „Häme“ der Medienschaffenden und deren „mangelndes Fingerspitzengefühl“ geklagt. Der Deutsche Journalisten-Verband wies seine Kritik zurück.

(proKOMPAKT) Wulff gesteht im Interview mit dem Wochenmagazin Der Spiegel ein, dass sein Rücktritt unter den damaligen Umständen unausweichlich war. Viele der damaligen Fragen der Journalisten hatten aus seiner Sicht den Sinn, „mich ins Zwielicht zu rücken“. Der ehemalige Bundespräsident erklärt: „Ich war eine Provokation. Ich war einigen mächtigen Medienschaffenden zu unbequem geworden.“ Für viele seien seine positiven Äußerungen zum Islam ein Ärgernis gewesen, für andere die Kritik an der Katholischen Kirche.

„Völlig überzogene Vorgehensweise“

Für völlig überzogen hält der CDU-Politiker die Vorgehensweise der Journalisten in Bezug auf die Finanzierung seines Hauses. Reporter hatten basierend auf einem Korruptionsverdacht die Einsicht in das Grundbuch eingeklagt. Mühe bereite Wulff auch, was seit seiner Kandidatur im Juni 2010 an Niederträchtigkeiten publiziert wurde. Bereits in den ersten 100 Tagen seiner Amtsführung hätten einige Leitmedien „eine Schablone für mich entworfen, in die alles hineingepackt wurde“.

Von den Medien wünsche er sich, dass sie „verantwortungsvoll und korrekt mit ihrer großen Macht“ umgehen. Die Regularien des Presserates sollten überdacht und manche Auswüchse strenger geahndet werden: „Was ich beklage, ist die Verrohung des Diskurses, diese ganze Häme, mit Diffamierung und Denunziation.“ Oft fehle das Mindestmaß an Respekt und Wertschätzung der Akteure. Auch eine Trennschärfe zwischen seriösen Blättern und Boulevardmedien vermisse er immer häufiger. Wie die seriöse FAZ seine Frau Bettina, von der er heute getrennt lebt, in das Milieu von Prostituierten angesiedelt habe, sei Rufmord gewesen.

Intensiverer Zugang zum Glauben

Wulff kritisiert die „skandallüsterne mediale“ Begleitung mancher Vorgänge. Manches sei unverhältnismäßig gewesen. Eigene juristische Schritte hat er nie in Erwägung gezogen, weil er es für nicht angebracht hielt. Was er eingesteht, ist die Tatsache, dass er zu manchen befreundeten Unternehmern als Politiker mehr Distanz hätte halten können. Er habe in dieser schwierigen Zeit auch einen intensiveren Zugang zu seinem Glauben gefunden, sagt Wulff, ohne dabei ins Detail zu gehen.

Die Vorwürfe des „Meinungskartells“ wies der Vorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbandes, Michael Konken, am Montag als „kompletten Blödsinn“ zurück. Es sei Aufgabe der Medien, ihre Wächterfunktion in der Demokratie wahrzunehmen. Ungeklärte private Kreditgeschäfte des Staatsoberhauptes seien für die Öffentlichkeit durchaus von Belang: „Wer daraus im Nachhinein ein Meinungskartell konstruiert, hat die Wirklichkeit aus dem Blick verloren.“ Selbstkritisch hätten sich die Medien bereits während der Wulff-Affäre mit gelegentlich festzustellenden Übertreibungen auseinandergesetzt. Das sei als Korrektiv ausreichend. Der Pressekodex in seiner bestehenden Form habe sich bewährt, findet der DJV-Vorsitzende. Die Forderung nach einer Überarbeitung des Pressekodex wurde auch vom Deutschen Presserat zurückgewiesen. (pro)

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