Steinmeier: In Sachen Werte „Flagge zeigen“

(Medienmagazin pro) Der SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier hat die Europäer dazu aufgerufen, in Sachen Werte Flagge zu zeigen. Die christlich-jüdische Tradition habe Demokratie und Menschenrechte hervorgebracht. Anlass seiner Äußerungen war die Vorstellung eines Aufsatzbandes mit dem Titel „Wertewandel mitgestalten“ in Berlin.

Die ökonomische Krise habe zu einer „tiefgreifenden Verunsicherung“ und zu dem Wunsch geführt, jenseits der Wirtschaft etwas zu finden, „an das man sich halten kann“, sagte Steinmeier im Haus der „Stiftung Familienunternehmen“. Der christlich-jüdischen Tradition verdanke Europa die Gewaltenteilung, Menschenrechte und Demokratie. Deshalb forderte er, dieses Erbe „großmütig“ weiterzugeben. Europa müsse „Flagge zeigen“ für das, wofür es stehe, „auch wenn wir nicht mehr der Nabel der Welt sind“, so Steinmeier. Er glaubt, eine gesellschaftliche Sehnsucht nach Werten erkennen zu können, das Vertrauen in die Politik sei durch die Finanzkrise aber verloren gegangen.

Zeugnis von christlichen Werten geben

Steinmeier stellte in Berlin das Buch „Wertewandel mitgestalten“ vor. In dem Band schreiben prominente Autoren wie der Vorsitzende des Rates der „Evangelischen Kirche in Deutschland“, Präses Nikolaus Schneider, die Soziologin und Islamkritikerin Necla Kelek, Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, Familienministerin Kristina Schröder, CDU-Fraktionschef Volker Kauder, der Ministerpräsident Baden-Württembergs, Winfried Kretschmann, die gläubigen Unternehmer Friedhelm Loh und Heinrich Deichmann sowie Steinmeier selbst über das Thema Wertewandel. Präses Schneider fordert, zu erkennen, dass der Mensch nicht der Herr über alle Dinge, und ökonomische Sachzwänge nicht „das Maß aller Dinge“ seien. Ziel der Kirche sei es, „Zeugnis zu geben von ‚christlichen Werten‘ in ihrem Reden und Handeln“.

Kelek greift die Debatte um den politischen Islam auf und fordert ein Bekenntnis zur Freiheit. Den Islam-Verbänden liege nichts an dieser Freiheit, sie hätten eine andere Vorstellung von Gesellschaft. „Wenn ‚anything goes‘ oder ‚Laissez-faire‘ zur Parole werden, wird Freiheit zum bloßen Lippenbekenntnis“, schreibt sie und fordert damit angesichts eines erstarkenden Islams eine Betonung aufklärerischer Werte in Deutschland. Auch Schäuble geht auf dieses Thema ein und hebt den Wert christlicher Moral, auch für Nichtchristen, hervor. „Werte, die nicht einfach propagiert, sondern gelebt werden, Werte, die dem eigenen Handeln als Nährboden unterliegen, können am Ende auch denen nützen, die diese Werte nicht unbedingt in ihrem jeweiligen Begründungszusammenhang für sich selbst annehmen wollen oder können“, schreibt er, und weiter: „Macht man sich das klar, dann verliert die Frage nach christlichen Werten in einem religiös-pluralen gesellschaftlichen Kontext ihren bedrohlichen Charakter.“

Deichmann erklärt aus unternehmerischer und christlicher Sicht: „Es ist eine bleibende Herausforderung, die Ziele unseres Leitbildes im betrieblichen Alltag immer wieder in die Tat umzusetzen. Es hat sich aber auch gezeigt, dass die Orientierung an den Ansprüchen der christlichen Ethik für unser Unternehmen sehr segensreich gewesen ist.“

Tugend der Barmherzigkeit

Als segensreich empfindet auch Walter Kardinal Kasper die christliche Ethik, nicht nur in unternehmerischer sondern auch in politischer Sphäre. Neben Steinmeier war auch er nach Berlin gekommen, um über Werte zu sprechen. Auch er ist Mitautor des Buchs. „Wer mitgestalten will, muss wissen, woher er kommt“, sagte er. Die „Tugend der Barmherzigkeit“ gehöre zur christlichen Kultur Europas. Eine Leugnung dieser christlichen Wurzeln sei nicht möglich. Dennoch beobachte er eine „Selbstverleugnung“ Europas. Besonders im Lichte neuer Herausforderungen, wie der Begegnung mit dem Islam und asiatischen Glaubenssystemen sei das problematisch. Steinmeier zumindest konnte sich am Ende dieser Veranstaltung nicht vorwerfen lassen, christliche Werte aus der politischen Debatte auszuklammern. Kurzerhand hatte er den Kardinal nämlich in den Bundestag eingeladen: „Kommen Sie mit zu den Verhandlungen bei der Kanzlerin heute Nachmittag. Das könnte hilfreich sein!“ (pro)

Brun-Hagen Hennerkes / George Augustin (Hg.), Wertewandel mitgestalten-Gut handeln in Gesellschaft und Wirtschaft, Verlag Herder, gebunden, 637 Seiten, 24 Euro, ISBN 978-3-451-30618-1

 

Print Friendly
UA-15643972-1