Pioniere der Radioarbeit: 5. Februar 1961 – Ein Anfang mit Hindernissen

Ein Bericht von Horst Marquardt, ehemaliger ERF Direktor (ERF Medien) Am 1. April 1960 hatte ich meine Arbeit beim Evangeliums-Rundfunk - heute ERF Medien -  aufgenommen. "Pfingsten werden wir mit dem Sendebetrieb beginnen", hieß es damals. Doch Pfingsten ging vorüber. Nichts war passiert. Die Arbeiten am Kurzwellen (KW)-Sender in Monte Carlo liefen zwar auf Hochtouren, doch immer wieder traten Verzögerungen ein. "Im Sommer ist es so weit", wurden wir dann vertröstet. Doch auch der Sommer verging. Ein Herbsttermin ebenfalls. Wir waren mutlos geworden. Die vielen, vielen Menschen im Lande, die ihr Interesse an einem christlichen Sender bekundet hatten, mussten von einem aufs andere Mal vertröstet werden.


„Bald nimmt man uns unsere Ankündigungen nicht mehr ab“, befürchteten wir. Immerhin hatten wir inzwischen einige tausend Freunde, die riesige Beträge geopfert hatten, um den Senderbau zu ermöglichen.

Ein kleines Redaktionsteam hatte Sendungen produziert. Hermann Schulte, der Mann, der den Anstoß für den ERF gab, hatte sein Tonstudio zur Verfügung gestellt. Hier produzierte er „Frohe Botschaft im Lied“, christliche Lieder auf Schallplatten. Wir nutzten diese Lieder für unsere Sendungen. Verkündiger waren eingeladen worden, um biblische Texte zu entfalten oder seelsorgerische Fragen zu behandeln. Hörszenen und Hörspiele wurden produziert, Interviews und Reportagen aufgenommen. So lagen u. a. Tonbänder bereit mit Ansprachen von Billy Graham, der 1960 an verschiedenen Orten Deutschlands gesprochen hatte. Aber was nutzte diese „Sammlung“, wenn sie nicht eingesetzt werden konnte?

Dann endlich, Anfang Februar 1961 ließ uns die Leitung von Trans World Radio (TWR), unserer internationalen Träger- und Partnerorganisation wissen: „Jetzt geht’s gleich los!“ Wir hatten wenig Erfahrung, auf welchen KW-Frequenzen man Deutschland am besten würde erreichen können. Überhaupt Kurzwelle! Wer würde die schon einschalten. 30 bis 35 Sendungen hatten wir bereits per Fracht nach Monte Carlo geschickt, um jederzeit startklar zu sein. Alle Sendungen hatten eine Absage,  in der wir zum weiteren Hören einluden. Neben der Sendezeit nannten wir die Frequenz.

Als feststand, dass der 5. Februar erster Sendetag sein würde, wurde uns mit Schrecken bewusst, dass weder die angesagte Sendezeit noch die Frequenz stimmten. Zwischen der Produktion der Sendung und dem Sendebeginn hatte sich nämlich herausgestellt, dass die Sendezeit und die Frequenz verändert werden müssen. Die Tonbänder noch einmal zurückkommen zu lassen, zu korrigieren und dann erneut nach Monte Carlo zu schicken, war zeitlich nicht möglich. Wir hatten damals auch keinen deutsch sprechenden Mitarbeiter dort. Deshalb war eine plötzliche Reise erforderlich geworden, um in Monte Carlo selbst die erforderlichen Korrekturen vorzunehmen. Nach langer Bahnfahrt kam ich gerade noch rechtzeitig in Monte Carlo an, um diese vorzunehmen.

Und dann kam der 5. Februar 1961. In Deutschland saßen viele Freunde vor ihrem Radiogerät. Wir hatten noch so viele wie möglich vom Sendebeginn informiert. Mit Tränen in den Augen hörten sie das Pausenzeichen, die ersten Takte des Liedes „Gott ist die Liebe“ und dann die Ansage „Hier ist der Evangeliums-Rundfunk über Radio Monte Carlo“.

Ein halbes Jahrhundert ist inzwischen vergangen. Viele derer, die damals den Aufbau des ERF ermöglichten, sind inzwischen verstorben. Nicht wenige derer, die sich heute über die Radio- und Fernseharbeit von ERF Medien freuen, waren damals noch nicht geboren. Für sie ist heute wohl kaum vorstellbar, wie einfach und primitiv manches begann.

Längst verschwunden sind übrigens auch die Räumlichkeiten, in denen alles begann. An der Stelle des Schulteschen Geschäftshauses und Studios steht heute das Arbeitsamt Wetzlar. Nach turbulenten Anfängen und vielen Umzügen landete der ERF schließlich in Wetzlar-Dalheim.

ERF Medien ist aus der Medienlandschaft nicht mehr wegzudenken. Vergessen sind die Tage des unscheinbaren Beginns. Bis heute bin ich erstaunt, wenn ich bedenke, dass Tausende von Menschen dazu beigetragen haben, den ERF aufzubauen. Sie beteten für das Gelingen. Sie warteten mit uns. Sie hofften auf gutes Gelingen. Und sie halfen mit vielen Gaben und treuem Gebet. Wunderbar auch, dass geeignete Mitarbeiter gefunden wurden, die bereit waren, sich für einen Sender zu engagieren, den es noch gar nicht gab. Nachdem die regelmäßigen Sendungen begonnen hatten, erwuchsen neue Schwierigkeiten. Wir seufzten manchmal, wenn es erforderlich war, von Jahr zu Jahr und in jeder Jahreszeit andere Frequenzen zu finden.

Das Archiv von Hermann Schulte (damals ca. 450 Liedtitel) war bald ausgeschöpft. Neue Lieder und  Musikstücke mussten erarbeitet werden. Geeignete Stimmen mussten auch für die Wortbeiträge gefunden werden. Teure Profis konnten wir uns nicht leisten, also wurden Mitarbeiter geschult. Ich erinnere mich noch manches einsatzbereiten Helfers der ersten Jahre. Dankbar bleiben wir für die Väter, ohne die nichts gelaufen wäre, z. B. Paul Freed, den Gründer von TWR, und dessen Vater Ralph; die deutschen Wegbereiter Hermann Schulte und Rudolf Loh, der seine unternehmerische Erfahrung einbrachte, sowie Helmut Gärtner, der schon bei der „Stimme von Tanger“ Erfahrungen hatte sammeln können.

Nachdem der Sender ab Februar 1961 endlich zu hören war, bemühten wir uns, ihn im Lande bekannt zu machen. Viele Informationsschriften wurden versandt. Darüber hinaus reisten wir zum Wochenende umher und luden zu Informationsveranstaltungen ein. Hunderte von Freunden folgten der Einladung. Ein wichtiger Programmpunkt dieser Veranstaltungen war jeweils das Abspielen einer Sendung vom Band. Ohne Empfangsstörungen wollten wir demonstrieren, wie sich eine Sendung eigentlich anhörte! Wir empfahlen geeignete Geräte und Antennen und boten gedruckte Einstellungshilfen an. Und es wurde viel gebetet. Wir flehten Gott an, das Werk, letztlich doch sein Werk, zu segnen und uns geeignete Frequenzen zu zeigen.

Geheimnisvoll bleibt für mich – auch noch nach Jahrzehnten – die Erfahrung, dass Gott trotz der schlechten Empfangsqualität Menschen angesprochen hat. Nicht wenige fanden zu Christus. Andere wurden im Glauben gestärkt. Ich fühle mich beschenkt, wenn mir mit mir alt gewordene Freunde des ERF bei Begegnungen berichten: „Wir haben damals schon den ERF gehört.“ Manchmal wird mir auch gesagt: „Meine Oma (oder meine Eltern) haben schon gehört!“ Dass die Arbeit auch in den nächsten Jahrzehnten gesegnet bleibt, dafür beten auch weiterhin Männer und Frauen. Und Mitarbeiter und Freunde denken immer wieder daran, dass Jesus Christus gesagt hat: „Ohne mich könnt ihr nichts tun!“

Mit freundlicher Genehmigung des ERF

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