Wer hat Jesus wirklich verurteilt?

(h2Onews, 15.03.2011) Die gesamte jüdische öffentliche Meinung hat mit Enthusiasmus das neueste Werk Joseph Ratzingers begrüßt: das Buch über Jesus von Nazareth, das letzte Woche in allen Buchläden erschien und die Juden endgültig von dem Vorwurf der Verurteilung  Jesu entlastet. Applaus kam von Premierminister Benjamin Netanyahu und von vielen anderen zivilen Führungspersönlichkeiten. War es auch ein Schritt vorwärts in der Versöhnung zwischen Juden und Christen? Dies fragten wir den Bibelwissenschaftler P. Massimo Pazzini, Dozent am franziskanischen Biblicum.

P. Massimo Pazzini OFM, Studium Biblicum Franciscanum (Jerusalem): „Es scheint mir kein großer Schritt nach vorne zu sein, wenn man ständig von Dialog spricht, aber nur bereits gesagte Dinge wiederholt. Der Papst sagt nichts Neues, sondern nimmt die Lehre der Kirche auf, eine offizielle Position der Kirche seit dem 2. Vatikanischen Konzil. Sie besagt, dass das jüdische Volk als ganzes, in seiner Ganzheit, nicht direkt für den Tod Christi verantwortlich sei. Der Papst sagt, dass die religiösen Verantwortungsträger des Volkes ihren Beitrag zur Verurteilung Christi beigetragen hätten und dies ist ein Faktum. Es wäre sehr schön, die Reaktion der Vereinigungen zu sehen, die sich mit dem Dialog beschäftigen, aber vor allem die Reaktionen des jüdischen Rabbinats in Jerusalem. Es wäre schön zu sehen, wie sie auf die Worte des Papstes reagieren, denn schließlich kommen einige in der jüdisch-religiösen Welt schlechter weg, nämlich die Aristokratie, diejenigen, die regieren, und bis heute diejenigen sind, die den Juden in Israel und der ganzen Welt Anweisungen geben.“

Auf wen der christliche Antisemitismus zurückgehe, sei ein Kapitel in der Geschichte, welches es noch zu studieren gelte, sagte Pazzini. Oft gab es Verfolgungen der Juden, um zum Schaden der Christen Reaktionen zu provozieren, erklärte P. Massimo, und man dürfe nicht Geschichte mit Theologie vermischen.

P. Massimo Pazzini, OFM, Studium Biblicum Franciscanum (Jerusalem): „Wer hat Jesus verurteilt? Dies bleibt ein Geheimnis. Wenn wir mit theologischen Begriffen sprechen, können wir sagen: Es war Gott, der dies wollte, aber wenn wir nach den uns überlieferten Quellen sprechen, dann müssen wir sagen, es handelte sich um ein Zusammenspiel von Ursachen. Wir können davon ausgehen, dass die Juden ohne Pilatus Jesus nicht verurteilt hätten und Pilatus ohne den Beitrag der Juden Jesus auch nicht verurteilt hätte. Ich denke darum, es handele sich um verschiedene Faktoren, die zusammenkommen und darum ist die Schuldzuweisung für diese Anklage ein anderer Diskurs, welchen man andernorts zu einem anderen Zeitpunkt angehen sollte.“

Unabhängig davon existiert aber ein unbestreitbarer Fakt: der entschiedene Wille dieses Papstes, mit allen zu dialogisieren, in der Überzeugung, der Glaube an den einen Gott könne den Weg jedes Menschen erleuchten. Auch dafür danke ihrer Heiligkeit!

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